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Der
Bildersturm
Eine
neue Zeit war angebrochen. Humanismus und Renaissance blühten auf, doch
zugleich erschütterte eine schwere Krise die Kirche in ihren moralischen und
geistigen Grundfesten. Überdies gingen die Veränderungen mit Gewalttätigkeiten
und Zerstörungen einher: die Reformierten entfachten einen wütenden Sturm
gegen alle bildlichen Darstellungen.
Gestützt
auf das biblische Gebot verdammten die Befürworter einer Kirchenreform die
Sakralkunst: "Du sollst dir kein Gottesbild machen, keinerlei Abbild, weder
dessen, was oben im Himmel, noch dessen, was unten auf Erden, noch dessen, was
in den Wassern unter der Erde ist; Du sollst sie nicht anbeten und ihnen nicht
dienen" (Exodus 20, 4-5). Das Bild als materielle Präsenz sei trügerisch;
der Gläubige laufe Gefahr, das Bild selbst zu verehren und nicht das, was es
darstellt. Durch den Reiz, den es ausübe, könne das Bild die Sinne verwirren,
statt zum gebet anzuhalten. Und die überhöhten Kosten seien nur dazu angetan,
den egoistischen Stolz der reichen Stifter anzustacheln und nicht die Pflicht
zur Nächstenliebe gegenüber den Bedürftigen zu fördern. So oder ähnlich
lauteten die Argumente, die von allen Hauptvertretern der Reformation in ihren
Werken, Predigten und Pamphleten dargelegt wurden. Luther war noch maßvoll in
seiner Kritik, wenn er zwar die Versuchungen des Götzendienstes und die
Geldverschwendung anprangerte, aber doch auch den erzieherischen Wert der erzählenden
Darstellung herausstellte. So tadelte er denn 1522 in Wittenberg Karlstadts
bilderstürmerischen Eifer und verdammte die Gewalttätigkeit während des
Bauerkrieges 1524/25 in Süddeutschland. In der Schweiz übten zuerst Zwingli,
dann Calvin weitaus schärfere Kritik an den Heiligenbildern und riefen sogar zu
deren Beseitigung oder Zerstörung auf.
In
dem Maße, wie in Europa das Gedankengut der Reformation verbunden mit
materiellen und sozialen Forderungen an Boden gewann, nahmen die Bilderstürme
immer mehr zu. Sie entluden sich in sporadisch aufflammenden Aktionen, aber auch
in heftigen Explosionen wie im Jahre 1566 in den Niederlanden. Es kam zu
spontanen Handgreiflichkeiten kleiner, von Not und religiösem Eifer getriebenen
Grüppchen, aber auch zu organisierten Bewegungen - angestachelt und inszeniert
von weltlichen Amtsträgern, die sich den neuen Lehren angeschlossen hatten. So
wurde 1524 in Straßburg unter der Führung des Stadtrates damit begonnen, Gemälde,
Kruzifixe, Altäre und andere Bildwerke aus den Sakralbauten zu entfernen und
sie dann systematisch zu zerstören oder gelegentlich auch sorgfältig
auseinander zu nehmen. Den Bildhauern blieb vielerorts nichts anderes übrig,
als das Land zu verlassen oder um Unterstützung zu betteln, und nicht wenige
gerieten in bittere Not.
Eine
bedeutende Rolle bei der Verbreitung der Lehren der Reformatoren, insbesondere
Luthers und Calvins, spielte der Buchdruck. Und von den Kanzeln herab hielten
Prediger vielerorts Hetzreden. Am 10. August 1566 fiel im flandrischen
Steenvoorde nach einer Predigt des Sebastian Matte eine Gruppe von ungefähr
zwanzig Zuhörern über das Kloster her und verwüstete den gesamten
Bilderschmuck. Einen Höhepunkt erreichte die Zerstörungswut während des
Geusenaufstandes, als die Einwohner von Tournai über die Gotteshäuser ihrer
Stadt herfielen und die Kirchenschätze plünderten, die Reliquien entweihten
und die Statuen zerschlugen. Auch die französischen Hugenotten verwüsteten
zahlreiche Gebäude, insbesondere im Süden und Südwesten Frankreichs. In
England führte die anglikanische Reformation nicht nur zur Schließung der
Klöster und zum Verkauf ihrer Güter, sondern auch zur systematischen
Zerstörung des Skulpturenschmucks an den Chorschranken und in den Kapellen.
zitiert
aus: Georges
Duby / Jean-Luc Daval (Hg.), Skulptur. Von der Antike bis zum Mittelalter.
8.Jahrhundert v. Chr. bis 15.Jahrhundert, Köln 1989, S.539f.
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